Auf der Flucht in der Monarchie

Das Schicksal der orthodoxen Flüchtlinge im Lager Oberhollabrunn (1914-1918)

Die fiktionale Ich-Erzählung ist eine Dramatisierung realer historischer Begebenheiten.

artilleriestellung_191606
trommelfeuer_1914

Das Donnern der Kanonen kam näher und Panik breitete sich im Dorf aus. Würde die Armee des Zaren wieder bis zu uns vordringen? Schon einmal haben sie Toporoutz besetzt, als sie im Herbst 1914 die Bukowina überrannt und sogar unsere Hauptstadt Czernowitz eingenommen haben. Sie verwüsteten damals viele unserer Häuser. Die im Dorf zurückgebliebenen Männer wurden alle nach Russland verschleppt und unser Vieh davon getrieben.

Als die Rauchschwaden des Trommelfeuers am Horizont zu sehen waren, wurde ich unruhig. Alle begannen, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken.

kirche_toporoutz
kk_karte
bukowina
ansichtskarte_sadogora

Leute zogen durch den Ort, teils zu Fuß, teils auf Wägen, in Richtung Hauptstadt. Sie berichteten aufgeregt, dass sie von Soldaten unserer k. u. k. Armee zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert worden waren. So nah waren die Kosaken also schon!

Eilig belud ich den kleinen Wagen vor dem Haus und spannte den Ochsen vor. Die Hühner und das Schaf überließ ich der Nachbarin, die ihre kranke Mutter pflegte. Sie wollte in ihrem Heim eingeschlossen, den Kosaken trotzen. Nur ihren zwölfjährigen Sohn schickte sie mit uns mit, damit er nicht verschleppt würde.

ansichtskarte_czernowitz
bukowina_verkehrskarte

Der Ochse zog den Karren über Rarancze und Buda bis Czernowitz, wo wir am selben Abend ankamen. Hunderte andere Menschen waren ebenfalls dorthin unterwegs, darunter Freunde, Verwandte und viele Unbekannte. Nachdem wir den Fluss Pruth überschritten hatten, kam ich mit dem Wagen nicht mehr voran. Zu viele Menschen drängten in die Stadt hinein. Ich musste den Karren und den Ochsen zurücklassen.

Würde unsere Armee Czernowitz halten können? Ich lief durch die Menge voraus zum Bahnhof. Menschen waren schon dort. Soldaten hielten sie davon ab, die eintreffenden Züge zu stürmen. Es war unglaublich laut, und alle schrien in verschiedenen Sprachen durcheinander. Es schien, als ob die ganze Stadt hier wäre.

bahnhof_czernowitz
bukowina_verkehrskarte_focus
kundmachung_19071915
ansicht_czernowitz_1916

Bereits die ganze Nacht waren Züge abgefahren, aber sie waren nur mit Dingen der Armee beladen. Endlich durften auch Menschen einsteigen, aber nur mit gültigem Passierschein. Wieder einmal hatten die Reichen den Vortritt. Eine baldige Zugfahrt schien für Unsereins nicht möglich.

Mit vielen anderen verbrachte ich die folgenden Tage am Rand der Stadt. Von unserem Lager aus konnten wir das Grollen der Kanonen näherkommen hören. Wie ich hörte, versuchte unsere Armee, die Frontlinie am Pruth zu halten und die Stadt zu schützen. Damit war klar, dass Toporoutz bereits gefallen war.

eisenbahnbruecke_061915

Endlich ließ man uns zu den Zügen durch. Mit vielen anderen wurde ich von Soldaten in einen Waggon gepfercht. Eng gedrängt saßen wir auf dem kalten Boden. Der Zug fuhr ab. Alle fragten sich, wie lange wir unterwegs sein würden? Keiner wusste, wohin die Reise gehen wird. Bei jedem Donner der Kanonen zuckte ich zusammen.

flucht_bukowina
kundmachung_20061916
eisenbahn_karte
bahnhof_oberhollabrunn
ansicht_oberhollabrunn_1910
lagertor
lagerbuch_1903_1935

Meine Reise endete vor einem Tor. Auf diesem war der Adler des Kaisers, aber die Schrift konnte ich nicht lesen. Vor einem größeren Haus sollten wir uns anstellen, um uns zu registrieren. Trotz Hunger und Erschöpfung wartete ich geduldig.

Anschließend wurden wir zu einem Waschhaus geführt. In einem großen Duschraum konnte ich mich endlich waschen. Dann wurden frische Kleider ausgeteilt, die jedoch nicht für alle reichten. In einer Baracke nebenan war ein Arzt. Jeder wurde ihm vorgeführt. Jene, die Läuse hatten, wurden weggesperrt. Die Kranken wurden auch weggebracht.

verwaltungsgebaeude
quarantaenebaracke
ansichtkarte_1917
haupttor_1916

Ich wurde zu einer gemauerten Baracke auf einer Anhöhe geführt. Das Haus war groß und neu, der Innenraum war karg. Schlafen musste ich auf einer Holzpritsche. Mit Strohsäcken und Decken wurde es etwas gemütlicher. Hier würde ich gemeinsam mit vielen anderen also die nächsten Wochen verbringen. Hoffentlich könnte ich bald nach Hause!

Obwohl es sehr eng war, war ich froh, dass ich Menschen aus meiner Heimat um mich hatte. Erst nach einigen Tagen erfuhr ich, dass der Ort, an dem wir uns befanden, Oberhollabrunn hieß.

baracke_film

Auf meinen Spaziergängen wurde mir klar, wie groß das Lager eigentlich war. Rundherum standen zahlreiche andere Baracken, manche kleiner, manche größer. Die meisten waren aus Holz. Den Hügel hinunter wurden Häuser aus Ziegel errichtet. Sie waren fast fertig, aber es wohnte noch keiner darin.

Nicht nur wir Geflüchtete, auch einige vom Lagerpersonal schliefen im Lager. Es gab außerdem Ställe für Rinder und Schweine. Gelegentlich fuhr eine kleine Eisenbahn herein, um Lebensmittel und Baumaterial zu bringen.

ansicht_stadt_lager
lagerplan_oberhollabrunn

Als ich an den Bauarbeiten vorbei ging, hörte ich, dass die Arbeiter meine Sprache sprachen und blieb verwundert stehen. Ich redete sie an, und wir kamen ins Plaudern. Sie kamen aus Galizien!

Die beiden waren schon seit über einem Jahr hier, wohnten aber nicht in unserem Lager, sondern im nahe gelegenen Raschala. Dort befand sich ein anderes Lager, wo auch Italiener, Polen und Ruthenen wohnten. Sie nannten es Internierungsstation. Anscheinend waren sie aus politischen Gründen hier, aber mehr wollten sie mir dazu nicht sagen. Viele von ihnen waren bei Bauarbeiten oder auf den Feldern im Einsatz.

Als die Häuser fertig waren, zogen dort vertriebene Lehrer und Priester ein.

schuettkasten
cziebanowski_lagerbuch

Im Sommer und Herbst kamen immer wieder Menschen an. Die meisten, so wie ich, mit Zügen aus dem Osten oder Süden. Manche auch aus kleinen Unterkünften oder überfüllten Lagern in der Umgebung. Sie waren bereits länger in der Gegend. Viele Familien kamen, manche waren auf der Reise leider getrennt worden. Verzweifelt versuchten sie nun, sich wiederzufinden.

vermisstenanzeige
map_flucht
kirlibaba_1916
ansicht_bad_dorna_watra_1916

Immer mehr Leute aus dem Süden der Bukowina trafen ein und wurden unsere Nachbarn. Sie erzählten Neuigkeiten aus der Heimat. Viele waren aus Kirlibaba und Dorna-Watra, wo besonders heftig gekämpft wurde. Soldaten hatten ihnen befohlen, ihre Häuser zu verlassen, als die Front näherkam. Ich hatte keine Hoffnung mehr, bald nach Hause zu kommen.

stellung_dorna_watra_1917
lagergeld

Die Wochen verstrichen, und ich gewöhnte mich allmählich an den Alltag im Lager. Die Kinder und deren Mütter hielten sich vorwiegend rund um die Baracken auf. Wer aber arbeiten konnte, wurde im Lager eingeteilt oder musste bei den umliegenden Bauern mithelfen.

Dreimal am Tag bekamen wir etwas zu essen aus der Küchenbaracke. Es war vor allem Brot und Brei, manchmal auch Gemüse und Fleisch. Die Kinder bekamen auch Milch.

Jeden Tag kamen Pferdewagen ins Lager. Sie hatten Essen und Kleidung geladen. Vom Lager aus konnte man die umliegenden Felder sehen. Wir beneideten die Bauern um ihre Ernte.

Zu Beginn waren die Mahlzeiten sättigend, doch mit der Zeit wurde der Brei verwässert, sodass wir oft Hunger hatten. Wir wurden deshalb wütend und schrien das Lagerpersonal an. Man erklärte uns, dass der Krieg daran schuld sei und andere auch Hunger hätten.

lagerbahn
pferdefuhrwerk
lager_panoramaaufnahme
totenbeschau_popeskul

Im Winter wurden viele krank. Die Baracken waren zugig, das Heizmaterial zu wenig und der Hunger kaum auszuhalten. Überall hörte man Leute husten.

Ich musste zusehen wie viele schwer erkrankten, auch Freunde von mir. Sie wurden in die Krankenbaracke gebracht. Manche kamen nicht mehr zurück. In einer kleinen Kapelle am Rande des Lagers konnten wir von ihnen Abschied nehmen, ehe sie am Stadtfriedhof begraben wurden.

krankenbaracke
schreiben_lagerverwaltung
lagerkirche
totenschein_basil

Die Pfarrer, die ebenfalls geflüchtet waren, versuchten uns zu trösten. Ich traf auch auf einen Geistlichen meiner orthodoxen Pfarre in Toporoutz, Basil Arijczuk.

Er erzählte mir, dass Pfarrer Kornel Pihuliak und seine Frau Augustine auch aus der Bukowina geflohen waren. Dabei hatten sich ihre Wege getrennt. Augustine kam, nicht weit von hier, in einem anderen Lager an und suchte verzweifelt nach ihrem Mann. Gott sei Dank konnten sich die beiden wiederfinden! Ihr Sohn Roman kam hier im Lager zur Welt.

geburt_roman
strickmuster
standbild_erholung

Im Sommer 1917 trafen wichtige Leute ein, um die neue Schule zu eröffnen. Einige von uns wurden ausgewählt, um den hohen Besuch gemeinsam mit den Wachen am Lagertor zu empfangen.

Nicht nur die Kinder, sondern auch viele Erwachsene lernten in der Lagerschule Deutsch. Auch handwerkliche Kurse gab es. Einige unserer Arbeiten wurden angeblich sogar dem Kaiser geschenkt.

truhe_fluchtlinge

Die Zeit verging und wir durften immer noch nicht nach Hause. Schon das zweite Weihnachten mussten wir im Lager feiern. Wann würde dieser elende Krieg vorbei sein?

Im Frühling war es endlich so weit. Wir wurden wieder in Transportzüge gebracht. Ich hoffte, meine Heimat bald wieder zu sehen. Als der Zug anfuhr, dachte ich aber auch an alle, die wir zurückließen, an die Freunde, die im Lager gestorben waren.

Wieder war es eine Fahrt ins Ungewisse. Wir waren so viele Monate weg gewesen und hatten keine Vorstellung davon, was uns in der Heimat erwarten würde.

Zu Hause angekommen, sah ich die Verwüstungen, die der Krieg hinterlassen hatte. Viele von uns konnten nicht in ihre Häuser zurückkehren. Die Orte, die Menschen, alles hatte sich verändert.

Über unser Geoportal mit folgendem Link können Sie alle Daten unseres Projektes abrufen und durchsehen:

https://orthodoxes-europa.at/geoportal

Dieses Geoportal können Sie als Anwendung auf Ihr Handy über folgendem Link per QR Code kostenos herunterladen:

https://orthodoxes-europa.at/download

Wie Sie das Geoportal auf Ihrem Computer oder Handy benutzen können, sehen Sie in diesem Kurzfilm zur Anwendung, den Dr. Rainer Simon (AIT) erstellt hat:

Gefördert von:
In Zusammenarbeit mit:

Die virtuelle Ausstellung "Auf der Flucht in der Monarchie: Das Schicksal der orthodoxen Flüchtlinge im Lager Oberhollabrunn (1914-1918)" wird veröffentlicht von:

Digitales Geoportal der Geschichte der Orthodoxen in Österreich

Vertreten durch:

Doz. Mag. Dr. Mihailo Popović, Projektleiter
Kiningergasse 12/2/7
1120 Wien
Österreich

Kontakt:

mihailop@hotmail.com
orthodoxes.europa@gmail.com

Die virtuelle Ausstellung „Auf der Flucht in der Monarchie: Das Schicksal der orthodoxen Flüchtlinge im Lager Oberhollabrunn (1914-1918)“ wurde vom Zukunftsfonds der Republik Österreich im Rahmen des Projektes P19-3804 gefördert.

Zum Projekt:

https://orthodoxes-europa.at/projekte/Flucht-Gefangenschaft-Neubeginn-und-Widerstand

Inhaltlich verantwortlich:

Doz. Mag. Dr. Mihailo Popović, Projektleiter
Digitales Geoportal der Geschichte der Orthodoxen in Österreich
Kiningergasse 12/2/7
1120 Wien
Österreich

Konzeption und Ausstellungstexte:

Verena Demel, Peter Fraundorfer, Sandra Wabnitz, Mihailo Popović

Englische Übersetzung:

Peter Fraundorfer, Mihailo Popović

Kommunikationsdesign:

Peter Fraundorfer

App Design:

Rainer Simon (AIT)

Website

Bernhard Koschicek-Krombholz

Wien 2021